Call for Participation: Lehrbuch zum Sexualstrafrecht
Worum geht es?
Das Sexualstrafrecht ist ein zentraler, gesellschaftlich hochrelevanter (weil viel medial diskutierter) Teil des Strafrechts. Gleichwohl ist es in den meisten Bundesländern bislang kein Pflichtfachstoff in der juristischen Ausbildung. Diese strukturelle Randstellung spiegelt sich auch in der Lehrbuchlandschaft wider: Derzeit existieren wenige deutschsprachige Lehrbücher zum Sexualstrafrecht, von denen einige bereits deutlich veraltet sind. Die Werke sind zudem nicht open access verfügbar und damit für viele Studierende nur eingeschränkt zugänglich.
Vor diesem Hintergrund soll ein neues Lehrbuch zum Sexualstrafrecht entstehen, das den Stoff umfassend, aktuell und didaktisch aufbereitet darstellt. Ziel ist es, eine systematische und zugleich verständliche Einführung in das Sexualstrafrecht zu bieten, die sowohl die dogmatischen Grundlagen als auch (interdisziplinär) aktuelle rechtspolitische, gesellschaftliche und feministische Perspektiven berücksichtigt. Das Lehrbuch soll in seiner Gestaltung aktuelle Erkenntnisse aus der didaktischen Forschung berücksichtigen und möchte daher einen besonderen Fokus auf das Systemverständnis und den Telos einzelner Normen des Sexualstrafrechts und die anwendungsbezogene Prüfung von modernen und diskriminierungssensiblen Fallbeispielen legen. Von der in der bestehenden Studienliteratur verbreitete Art, Rechtsfolgen und prozessuale Einbettungen auszublenden, soll immer dort abgewichen werden, wo beides für das (auch praktische) Verständnis der Norm oder der Diskussion um die Norm notwendig ist.
Der Bedarf an einem solchen Werk ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Insbesondere durch die Gründung der Feminist Law Clinic und vermehrte Angebote von sexualstrafrechtlichen Lehrveranstaltungen und Seminaren an den Universitäten ist das Interesse an sexualstrafrechtlichem Wissen stark gestiegen. Studierende suchen zunehmend nach fundierten, gut zugänglichen Materialien, um sich vertieft mit dem Sexualstrafrecht auseinanderzusetzen.
Die primäre Zielgruppe des Lehrbuchs sind Studierende der Rechtswissenschaften, insbesondere solche, die sich im Schwerpunktbereich, in freiwilligen Lehrveranstaltungen oder im Rahmen außeruniversitärer Initiativen mit dem Sexualstrafrecht befassen. Darüber hinaus richtet sich das Lehrbuch auch an Personen mit juristischen Vorkenntnissen, die sich selbstständig weiterbilden möchten oder sexualstrafrechtliche Kenntnisse für ehrenamtliche Tätigkeiten benötigen, etwa in der Beratungsarbeit, in Law Clinics oder in zivilgesellschaftlichen Initiativen. Gerade deswegen soll das Wissen im Sexualstrafrecht niedrigschwellig, kostenfrei und dauerhaft verfügbar sein.
Welche Inhalte wollen wir abdecken?
Das Lehrbuch verfolgt einen methodisch offenen Ansatz. Neben der klassischen dogmatischen Analyse werden unterschiedliche methodische Zugänge in die Darstellung des Sexualstrafrechts einbezogen. Dazu zählen insbesondere auch Perspektiven der feministischen Rechtswissenschaften, die Machtverhältnisse, Geschlechterrollen und strukturelle Ungleichheiten sichtbar machen und so zu einem vertieften Verständnis sexualstrafrechtlicher Normen und ihrer Anwendung beitragen können. Gleichzeitig bleibt Raum für rein rechtswissenschaftliche, dogmatisch ausgerichtete Beiträge, die das Sexualstrafrecht in seiner systematischen und begrifflichen Struktur erschließen.
Ergänzend werden interdisziplinäre Perspektiven, insbesondere aus der Kriminologie, Soziologie und Psychologie, herangezogen, um rechtliche Regelungen in ihren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Ziel ist es, Studierenden nicht nur normatives Wissen zu vermitteln, sondern sie auch für die Bedingtheit rechtlicher Bewertungen, für Leerstellen der Dogmatik sowie für die Auswirkungen strafrechtlicher Praxis auf Betroffene zu sensibilisieren. Auf diese Weise soll das Sexualstrafrecht als dynamisches, gesellschaftlich eingebettetes Rechtsgebiet erfahrbar gemacht werden.
Die folgende Übersicht gibt eine erste Idee davon, welche Themenbereiche wir mit dem Lehrbuch abdecken wollen. Es handelt sich explizit nicht um eine Kapitelstruktur. Weitere Themenvorschläge sind herzlich willkommen! Die Strukturierung wird auch die Bedarfe und Expertisen der Autor:innen berücksichtigen.
- Einführung und Überblick
- Bedeutung und Einordnung des Sexualstrafrechts (inkl. internationaler und europarechtlicher Einflüsse)
- Schutzgüter des Sexualstrafrechts
- Überblick über Struktur und Zielsetzung des Lehrbuchs
- Historische Entwicklung des Sexualstrafrechts
- Entwicklungslinien und Paradigmenwechsel
- Gesellschaftliche und rechtspolitische Hintergründe
- Reformen und aktuelle Tendenzen
- Sexualstraftaten gegen Erwachsene
- § 177 StGB: Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung
- § 178 StGB: Besonders schwere Fälle
- Tatbestandsmerkmale, Auslegung und aktuelle Rechtsprechung
- Sexualstraftaten gegen Kinder und Jugendliche
- Schutz von Kindern und Jugendlichen als besonders vulnerabler Gruppe
- Zentrale Tatbestände und Systematik
- Besondere verfahrensrechtliche Aspekte
- Pornografiedelikte und bildbasierte, sexualisierte Gewalt
- Systematik der §§ 184 ff. StGB
- Kinder- und jugendpornografische Inhalte
- Digitale Entwicklungen und neue Herausforderungen (§§ 201a, 184k StGB)
- Weitere Sexualdelikte
- Überblick über weitere Tatbestände, insbesondere §§ 184i, 184j StGB
- Einordnung und Abgrenzungsfragen
- Verjährung im Sexualstrafrecht
- Verjährungsfristen und deren Besonderheiten
- Ruhen und Verlängerung der Verjährung
- Prozessuale Besonderheiten im Sexualstrafrecht
- Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen
- Beweiswürdigung und Glaubhaftigkeitsprüfung
- Vernehmung von Minderjährigen und besonders schutzbedürftigen Personen
- Opferrechte und Opferschutz
- Nebenklage, psychosoziale Prozessbegleitung und weitere Rechte
- Informations-, Beteiligungs- und Schutzrechte
- Praktische Bedeutung für Verfahren und Betroffene
- Kriminologische Perspektiven
- Erscheinungsformen und Häufigkeit von Sexualstraftaten
- Aussagekraft und Grenzen kriminalstatistischer Daten
- Dunkelfeldforschung und gesellschaftliche Kontexte
Wen suchen wir?
Angesprochen sind Jurist:innen (und für die interdisziplinären Kapitel auch Wissenschaftler:innen der angesprochenen Disziplinen), die sich wissenschaftlich (oder praktisch) mit dem Sexualstrafrecht befassen und das Projekt mit fachlicher Kompetenz, Engagement und neuen Perspektiven mitgestalten möchten. Wissenschaftler:innen in der frühen Phase sind explizit aufgefordert, sich zu beteiligen.
Unser Anspruch ist es, im Sinne des OpenRewi Diversity Statements vielfältige Stimmen im Projekt sichtbar zu machen. Wir möchten gezielt Personen zur Mitarbeit ermutigen, die im akademischen Kontext strukturell benachteiligt oder bislang unterrepräsentiert sind, darunter unter anderem BIPoC, Menschen mit Behinderungen, Erstakademiker:innen, queere Personen, Menschen aus dem globalen Süden sowie weitere marginalisierte Gruppen. Für die Zusammensetzung der Autor:innen- und Herausgeber:innenteams gilt eine FLINTA-Mindestquote von 50 %; darüber hinaus verfolgen wir das Ziel, Diversität in all ihren Dimensionen bestmöglich abzubilden.
Was erwartet dich?
Das Buch wird in verschiedene Kapitel aufgeteilt, die wiederum an verschiedene Autor:innen vergeben werden. Dabei ist sowohl Allein- als auch Co-Autor:innenschaft möglich. Wir werden von Anfang an Möglichkeiten zum Austausch (Vorstellung des Gesamtkonzepts, Fragerunden etc.) schaffen und bei der Aufteilung der Kapitel die Präfenzen der Autor:innen berücksichtigen. Einer Schreibphase schließt sich eine Peer-Review Phase und eine Überarbeitung an; ggf. besteht dann auch die zusätzliche Möglichkeit einer externen Review nach Bedarf. Auch für Personen mit beschränkten zeitlichen Ressourcen (Care-Arbeit etc.) und sonstigen Barrieren wollen wir Möglichkeiten zur Beteiligung schaffen – kontaktiere uns gern für individuelle Lösungen!
Inhaltshinweis: Es ist nicht auszuschließen, dass bei den digitalen Treffen, im Rahmen der Schreibphase oder im Peer-Review-Verfahren alle Autor:innen mit Fällen und juristischen Fragestellungen im Themenbereich sexualisierte Gewalt (auch gegen Kinder) konfrontiert werden.
Interesse?
Wir freuen uns über deine Interessensbekundung bis zum 15. Juni 2026 über das folgende Formular:
Für Rückfragen jeder Art sind wir erreichbar unter sexualstrafrecht@openrewi.org.
Jennifer Grafe und Maximilian Nussbaum