1. Den sicheren Hafen suchen – die Instanz
Neue Technologien sind immer anstrengend. Was bei Mastodon auf den ersten Blick ähnlich erscheint, ist bei genauerem Hinsehen doch anders als bei Elon Musks neuem Privatclub (Twitter). Das liegt auch daran, dass Mastodon kein schlichter Twitter-Ersatz sein will, sondern eine echte Open Source Alternative ist. Die Hintergründe, Vor- und Nachteile dieser Unterschiede haben wir in zehn Gründen zusammengefasst. Hier soll es nur um einen möglichst unkomplizierten Wechsel gehen. Die Anleitung richtet sich speziell an Jurist:innen, ist aber evtl. auch für andere geeignet.
Alles beginnt mit dem eigenen Server (der „Instanz“). Das funktioniert ähnlich wie bei E-Mails. Um eine Mail zu verschicken, braucht ihr ebenfalls einen Mailserver wie posteo.de oder protonmail.com. Instanzen gibt es sehr viele. Einige haben einen Aufnahmestopp verhängt, um den Strom neuer Nutzer abzuarbeiten. Deshalb lohnt sich schon hier ein Blick auf eine spezielle Instanz. Speziell für die Rechtswissenschaft gibt es etwa den Server legal.social, der allerdings zurzeit ebenfalls nur sehr begrenzt neue Personen aufnimmt.
Deshalb könnte ein englischsprachiger Server für Wissenschaftler:innen, ein regionaler Server im deutschsprachigen Raum oder ein Server zu einem ganz anderen Thema (kleinere Liste hier) in Betracht kommen.
2. Orientieren – Was ist was, Kurzübersicht
Als Twitter-User kennt ihr nur eure eigene Timeline. Die war zusammengestellt mit Inhalten von Leuten, denen ihr folgt, sehr viel Werbung und „Empfehlungen“ des Twitter-Algorithmus. Beiträge mit vielen „Likes“ tauchten hier weiter oben auf. Bei Mastodon ist die Timeline (mit Absicht) streng chronologisch. Die Beiträge erscheinen also nur nach ihrem Erscheinungszeitpunkt. Das erfordert von euch etwas Handarbeit (dazu unten).
Drei Timelines statt einer
Bei Mastodon gibt es drei Timelines:
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Eure Startseite oder Home-Timeline. Hier seht ihr Inhalte von allen Accounts, denen ihr folgt.
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Eure „lokale“ Timeline. Hier seht ihr alle Inhalte, die auf eurer Instanz gepostet werden.
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Die föderierte Timeline. Hier seht ihr alle Inhalte, die überall auf Mastodon erscheinen.
Tooten
Bei Mastodon wird getootet, nicht getwittert. Ähnlich wie bei Twitter könnt ihr Umfragen erstellen oder Anhänge hinzufügen (auch Gifs – einfach im Netz suchen und als Datei herunterladen). Wichtig ist, dass ihr bei Bildern einen Alternativtext hinzufügt. Das ist ein Text, der den Inhalt des Bildes für sehbehinderte Menschen zusammen fasst. Mastodon wurde auch unter starker Berücksichtigung von Barrierefreiheit entwickelt. Etwas ungewohnt sind folgende Einstellungsmöglichkeiten:
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Sichtbarkeit: Für alle // Für alle, aber nicht über Suche // Für Follower // Nur für in der Nachricht erwähnte – ähnlich einer DM bei Twitter
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Content Warnung: Das ist eine sehr spezielle Eigenheit von Mastodon. Ihr könnt den Inhalt einer Nachricht verbergen und eine Art Trigger-Warnung anzeigen lassen. Eure Follower müssen die Nachricht dann individuell ausklappen. Hierzu gibt es ganz unterschiedliche Konventionen auf unterschiedlichen Instanzen. Dass Inhalte mit Gewalt etc. verborgen werden sollten, dürfte relativ klar sein. Ferner werden auf einigen Instanzen aber auch politische Inhalte (selten) oder ständig diskutierte Themen verborgen. Beobachtet dabei einfach das Verhalten der anderen. Als Newbie habt ihr hier Spielraum – darüber hinaus ändern sich die Konventionen ziemlich schnell.
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Die Sprache des Toots: Das kann relevant sein, wenn ihr auf englischsprachigen Instanzen angemeldet seid und Nutzende Toots einer bestimmten Sprache herausfiltern.
Interagieren – Boosten / Favorisieren / Kommentieren / Taggen
Mit Beiträgen (bei Mastodon „Toots“ – nicht „Tweets“) sind unterschiedliche Interaktionen möglich.
| Mastodon | Was ist hier anders? | |
|---|---|---|
| Teilen |
„Boost“ „Teilen“ |
Der Toot kriegt über den „Boost“ einen zusätzlichen Auftritt in der – streng chronologisch organisierten – Timeline eurer Follower, indem ihr ihn auf eurem Profil veröffentlicht. Das Teilen mit einem eigenen Kommentar (wie bei Twitter) ist nicht möglich, allerdings gibt es den Trick, Beiträge zu kommentieren und den eigenen Kommentar dann zu boosten. |
| Like | Favorisieren | Die Autor:innen des Toots können sehen, dass ihr den Beitrag mögt. Dadurch wird der Beitrag nicht weiter nach oben in der Timeline gespült. Das Favorisieren funktioniert bei Mastodon eher als individuelles Zeichen der Wertschätzung, persönliches Lesezeichen und weniger als Aggregator für Anerkennung. |
| Comment | Antworten |
Eine direkte Interaktion mit den Autor:innen, die unter ihrem Beitrag dargestellt werden. Etwas verwirrend kann hier sein, dass die Direktnachrichten („DMs“) genau so dargestellt sind wie ein Kommentar unter einer Nachricht, allerdings können sie nur von der adressierten Person gelesen werden. Ihr verschickt einen Kommentar als Direktnachricht, indem ihr die Sichtbarkeit auf privat stellt. |
| #Tag | #Tag | Schlagwörter funktionieren wie bei Twitter, sind bei Mastodon aber noch wichtiger, weil es keine Volltext-Suche gibt. Wenn ihr wollt, dass euer Toot auch von anderen gefunden wird, müsst ihr also Schlagwörter benutzen. |
| Mentions |
Mentions Erwähnungen |
Ihr könnt in euren Toots natürlich andere Nutzende erwähnen. Wenn ihr ihnen folgt oder sie auf eurer Instanz sind, reicht ein einfaches @PersonXY – wenn die Person auf einer anderen Instanz ist, müsst ihr ggf. noch die Instanz anhängen @PersonYZ@legal.social |
Bei OpenRewi boosten wir gerne eure Toots. 😉
Apps Einrichten
Es gibt eine mobile App von der Mastodon gGmbH, allerdings ist sie nicht zu empfehlen. Neben der offiziellen gibt es zahlreiche weitere Apps für verschiedene Betriebssysteme. Für iOS kann ich etwa die App Metatext empfehlen.
3. Umziehen – alte Bekannte finden
Der Account ist angelegt, ihr habt eure Profildaten eingegeben, aber niemand ist da? Mit den Tools Fedifinder oder Debirdify können in wenigen Schritten Freund:innen von Twitter gefunden werden, die ebenfalls bei Mastodon sind. Eine einfache Anleitung zum Import der Twitter-Kontakte findet sich bei Digitalcourage.
Noch einfacher lassen sich Follower mit dem Tool Movetodon wiederfinden. Einfach mit beiden Accounts anmelden. Danach lassen sich bei Mastodon neu hinzugekommene Twitter-Accounts chronologisch ordnen und ihnen kann direkt gefolgt werden.
Damit andere euch auch finden können, ist es wichtig bei Twitter die entsprechenden Brotkrumen auszulegen. Hinterlasst deshalb in eurer Twitter-Profilbeschreibung euren Mastodon Account: Idealerweise mit beiden @-Zeichen – etwa @MaxPe@scholar.social
Andere Möglichkeiten, auf alte Bekannte zu treffen, sind speziell für Jurist:innen die Accounts auf der Instanz legal.social. Über die altbekannten Hashtags wie #Jurabubble #TeamDatenschutz (oder andere Teams) – oder neue Schlagwörter wie #FediJur – lassen sich ebenfalls vertraute Accounts finden.
Eine neue Möglichkeit ist der Gruppe @rewi@a.gup.pe zu folgen. Wenn ihr dann Posts mit @rewi schreibt, bekommen alle Follower dieses Accounts eine zusätzliche Benachrichtigung.
Ebenfalls kann es sinnvoll sein, einen Blick auf manuell zusammengestellte Listen zu werfen. Hier gibt es eine Liste verschiedener Listen (und Gruppen) für Wissenschaftler:innen auf Mastodon.
Mastodon ist natürlich auch eine Chance, um neue Leute kennenzulernen. Im Gegensatz zu Twitter gibt es hier häufig weniger, aber intensivere Interaktionen.
4. Heimisch werden – Tipps & Tricks
Mastodon hat sehr viele Einstellungsmöglichkeiten, die ihr ausprobieren solltet. Beim Erscheinungsbild gibt es etwa die Möglichkeit, eine „fortgeschrittene Benutzeroberfläche“ zu wählen. Damit habt ihr mehrere Spalten und könnt hier eure Timeline, Direktnachrichten, Schlagwörter etc. hintereinander anzeigen lassen.
Wenn ihr bei Mastodon leichter gefunden werden wollt, müsst ihr unter Profil/Erscheinungsbild „Dieses Profil im Profilverzeichnis zeigen“ anwählen.
Bei Mastodon ist viel Handarbeit gefragt: Die Beiträge eures Newsfeeds werden streng chronologisch angezeigt. Niemand sortiert für euch, ihr müsst selbst sortieren. Das geht zum Beispiel, indem Listen von interessanten Accounts angelegt werden. Eine andere Möglichkeit ist, dass ihr bestimmten Hashtags oder Schlagwörter folgt. Themen, die euch nerven, könnt ihr über die „Filter“-Option in den Einstellungen ausblenden.
Ihr könnt verlinkte Webseiten auf eurer Profilhomepage verifizieren (ganz kostenlos, ohne 8 €). Hier findet ihr eine Anleitung.
Es ist immer eine gute Idee, den Betreiber:innen des eigenen Servers eine Spende zukommen zu lassen, weil sie das in den meisten Fällen freiwillig und auf eigene Kosten machen.
5. Sanfter Wechsel – RIP Twitter
Schon wegen des leichteren Auffindens neuer Kontakte, kann es sinnvoll sein, das Twitter-Profil noch eine Zeit lang zu behalten. Allerdings ist die Zukunft von Twitter ungewiss. Es ist sicher eine gute Idee, ein Archiv der eigenen Daten von Twitter anzufordern, ggf. Daten zu löschen, idealerweise über einen Löschantrag nach DSGVO.
Es gibt theoretisch die Möglichkeit, gleichzeitig bei Twitter und bei Mastodon zu posten (sog. „Crosspostings“). Allerdings ist diese Option aus Mastodon-Sicht eher nervig, weil keine direkte Interaktion mit den Toots möglich ist.
Ich selbst habe mich entschlossen, meine Aktivität langsam von Twitter zu Mastodon zu verlagern. Die Mitteilungen in der App habe ich nur für Mastodon an. Außerdem werde ich bei Mastodon aktiv interagieren, posten usw. Twitter nutze ich ggf. als reine Mitteilungsquelle für neue Veröffentlichungen etc.
Wie erfolgreich das ist, hängt auch davon ab, ob wir uns bei Mastodon wiedersehen. Ich freue mich über Feedback unter @MaxPe@scholar.social