1. Twitter ist kaputt
Soziale Netzwerke können ohne die Interaktionen ihrer Nutzenden nicht existieren. Sie brauchen unsere Ideen, unsere Beziehungen, die gierig auf einer allumfassenden Plattform zentralisiert werden.1 Diese Machtballung wirkt umso erschreckender, wenn Plattformen plötzlich von rechtslibertären Milliardären aufgekauft werden – gerade weil Twitter ein wichtiger Ort ist, um die eigene Forschung zu verbreiten.
Mit dem sogenannten „Fediverse“ gibt es schon länger eine Alternative, die von den Vernetzungsbedürfnissen der Nutzenden ausgeht. Die Grundprinzipien sind Offenheit und Souveränität zugleich. Stellt euch vor, ihr könntet alle eure eigene Version von Twitter, Instagram, TikTok oder Facebook betreiben, aber gleichzeitig könnt ihr mit eurem Twitter-Account die Menschen bei Facebook erreichen. Die Dienste bilden eine Föderation, ein föderiertes Universum oder eben “Fediverse”.
Mastodon ist Teil des Fediverse und als Alternative zu Twitter gedacht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Mastodon ist keine einfache Kopie, sondern ein Gegenentwurf, der aus den Fehlern von Twitter lernen will. Was das genau heißt, beschreibe ich in 11 kurzen Punkten. Für Ungeduldige gibt es hier eine Anleitung mit konkreten Schritten zum Wechsel.
Twitter kann ein sehr ungemütlicher Ort sein. Die Varianten geschlechtsspezifischer Gewalt oder einer aggressiven Grundstimmung gegenüber allen, die queer/ irgendwie anders sind, müssen hier nicht wiederholt werden. Hinzu kamen polemische politische Diskussionen von COVID, über die Vergesellschaftung von Eigentum, Klima-Aktivismus bis zur (angeblichen) Gefährdung der Meinungsfreiheit. Dass hier Inhalte funktionieren, die entweder (mehr oder weniger) lustig sind oder polarisieren, ist kein Zufall. Letztendlich zählt für über Werbung finanzierte Plattformen die größtmögliche Mobilisierung von Affekten, um die Nutzenden möglichst lange auf der Plattform zu halten, so mehr Daten zu sammeln, die dann kombiniert und versteigert werden können. Mit dem Profitdruck unter Musk und der damit einhergehenden Entlassung hunderter Mitarbeiter:innen (Content Management, Compliance, usw.) werden sich diese Dynamiken wahrscheinlich verschlimmern. Deshalb ist ein Wechsel zu Mastodon vielleicht kurz etwas mühsam, aber langfristig in jedem Fall sinnvoll.
2. Verbundene Inseln – die Föderation
Anders als bei Twitter, findet nicht alles an einem Ort statt (twitter.com), sondern auf vielen unterschiedlichen „Instanzen“ (mastodon.social; legal.social; scholar.social usw.). Auf einer solchen Instanz muss man sich zuerst registrieren – ähnlich wie bei E-Mails (euer privater Mailservice, der Unimailservice, etc.). Dabei ist die gewählte Instanz keine einsame Insel, sondern ein sicherer Hafen, in dem ihr zunächst nette Leute treffen könnt. Von hier aus erreicht ihr gleichzeitig alle anderen Nutzenden auf den anderen Instanzen (wie bei einer Mail schreibt ihr dann “Maria@legal.social Hast Du schon Artikel XY gesehen?”). Diese Struktur ist ungewohnt, aber die Grundlage für alle sogleich geschilderten weiteren Vorteile.
4. Vernetzung
Auch wenn alle auf ihren eigenen Instanzen sind, gibt es natürlich Möglichkeiten föderationsweiter Vernetzung. Ihr könnt euch euren eigenen Content-Stream zusammenstellen, indem ihr anderen folgt – egal auf welcher Instanz sie sind. “Follower” und “Gefolgte” gibt es also auch bei Mastodon. Mit verschiedenen Tools lassen sich die Follower sehr einfach aus Twitter importieren. Außerdem gibt es instanzübergreifend Gruppen oder #Hashtags/Schlagwörter, die ohnehin auf allen Instanzen funktionieren.
5. Eigene Regeln + Portabilität
Warum der Stress mit den Instanzen? Sie sind moderiert, nach eigens aufgestellten Regeln. Auf Probleme wird damit nicht nur zeitnaher reagiert, die Regeln der Diskussion selbst stehen zur Debatte. Wenn eine Instanz nicht mehr gefällt, sich euer Lebensmittelpunkt verändert (Umzug, neue Arbeit) könnt ihr mit euren Daten einfach auf eine neue Instanz umziehen. Außerdem könnt ihr mit eurem Verein, euren Freunden, eurer Familie, euren Katzen eine eigene Instanz aufmachen.
6. Empathie by Design
Mastodon ist nicht gebaut, um maximale Interaktionen zur maximalen Datenabschöpfung zu provozieren. Ziel ist eine möglichst faire, interessante Diskussionskultur. „Likes“ treiben einen Post nicht in der Sichtbarkeit eurer Feeds nach oben,2 sondern sind für die Autor:innen nur ein kleiner Hinweis, dass der Post gemocht wird. Dritte können nicht sehen, wie häufig ein Post „geliked“ wurde. Ebenfalls gibt es keine Möglichkeit, Beiträge zu zitieren, wenn sie geteilt werden. Das führt bei Twitter häufig zu wenig hilfreichen, ironisch-distanzierten Stellungnahmen. Stattdessen können Beiträge bei Mastodon direkt kommentiert oder kommentarlos geteilt („geboostet“) werden. Ebenfalls gibt es die Möglichkeit, „Content-Warnungen“ vor einen Post zu stellen. Das ist eine selbst gewählte Überschrift, nach welcher der restliche Inhalt des Beitrages verdeckt wird. Was als „sensibel“ gilt, kann je nach Instanz unabhängig beurteilt werden.
7. Schutz vor Nazis, Trollen & anderen
Auch bei Mastodon gibt es problematische Menschen. Die Reaktionsmöglichkeiten sind vielfältig. Zunächst können Einzelpersonen stumm geschaltet oder blockiert werden. Sie können von einer Instanz fliegen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Zuletzt können ganze Instanzen blockiert werden, wenn sie dafür bekannt sind, hetzerische Inhalte zu verbreiten. Aber auch auf einer übergeordneten Ebene könnt ihr euch in geschützte Ecken des Fediverse zurückziehen. Ob Nutzende anderer Instanzen euch finden können, bestimmt ihr über die Profileinstellungen. Häufig könnt ihr selbst darüber entscheiden, ob andere euch folgen dürfen. Außerdem sind eure Beiträge nur auffindbar, wenn ihr in ihnen Schlagwörter (#Jurabubble) benutzt, da nur Schlagwörter (und nicht einfacher Klartext) in der Suche im ganzen Fediverse auftauchen.
8. Unabhängigkeit durch Open Source
Elon Musk könnte Mastodon nicht kaufen. Der Code hinter Mastodon steht unter einer sogenannten freien Lizenz („Open Source“ oder „freie Software“). Deshalb können alle mit einem ausreichend leistungsstarken Computer ihre eigene Mastodon-Instanz starten (oder eine für wenige Euro im Monat mieten). Von Privatpersonen, Familien über Vereinen, NGOS bis hin zu Institutionen ist alles möglich. Mastodon selbst liefert eine Anleitung, wie das funktioniert. Eine freie Lizenz führt nicht nur zu mehr Unabhängigkeit. Es bedeutet auch, dass eigene Vorschläge für die Weiterentwicklung eingebracht werden können. Technisch begabte Nutzende können diese auch direkt vorschlagen oder eigene Programme bauen, die Funktionen ergänzen.
9. Mastodon ist nur der Anfang
Das Fediverse ist sehr viel größer. Neben Mastodon gibt es z.B. Peertube für Videos, Pixelfed für Fotos oder auch exotischere Netzwerke wie BookWyrm für Buchrezensionen. Die Verknüpfungen mit anderen Open-Source-Projekten sind stark, weil es im Gegensatz zum digitalisierten Kapitalismus keine Konkurrenzlogik gibt. Speziell in der Wissenschaft liegt es in Zukunft nahe, Plattformen für Forschung und Lehre in das Fediverse zu integrieren.
10. Aufbruchsstimmung
Die aktuellen Zahlen der Neuanmeldungen bei Mastodon sind beeindruckend. Im Gegensatz zu Twitter ist Mastodon nicht „die nächste“ datenextrahierende Plattform, sondern etwas völlig anderes. Es ist die Chance, die ehemaligen Versprechungen des Netzes einzulösen: Verknüpfbarkeit, Offenheit. Angereichert um die negativen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Momentan könnt ihr noch davon ausgehen, dass die meisten Neuzugänge bei Mastodon aus genau diesen Gründen ankommen.
Noch Zweifel?
Wir freuen uns über Diskussionen zum Thema. Entweder hier in den Kommentaren, bei Mastodon oder bei Twitter (solange wir dort noch sind).
Zum Weiterlesen
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gibt es bei Netzpolitik.org die Beantwortung der wichtigsten Fragen
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hat der Kuketz-Blog übliche Mythen über Mastodon aufgelistet.
Was tun?
Schaut in unsere Anleitung für Twitter-Nutzende und erstellt euch einen Account. Wir freuen uns auf Diskussionen adressiert an unseren Mastodon-Account bei bewegung.social
Mastodon wird von einem winzigen Kernteam und sehr vielen Freiwilligen weiterentwickelt. Die gemeinnützige Mastodon-GmbH könnt ihr hier unterstützen. Außerdem ist es sinnvoll, eine Instanz mit Bezahlfunktion zu nutzen und/oder euren Admins eine Spende zukommen zu lassen.