Modul 5: Didaktische Gestaltung von OER
Lernziele
- Die Lernenden können Lernziele für rechtswissenschaftliche OER formulieren.
- Die Lernenden können Zielgruppen und Nutzungskontexte bei der Gestaltung von OER berücksichtigen.
- Die Lernenden können geeignete Beispiele, Übungsaufgaben und Reflexionsfragen für rechtswissenschaftliche OER entwickeln.
- Die Lernenden können aktivierende und interaktive Elemente für den Einsatz in OER auswählen und deren didaktischen Mehrwert erläutern.
- Die Lernenden können didaktische Qualitätskriterien auf rechtswissenschaftliche OER anwenden.
Schwerpunkte
- Didaktik als Qualitätsmerkmal von OER
- Die 3Z-Formel
- Struktur und Verständlichkeit
- Aktivierende und interaktive Elemente
- Didaktische Checkliste für OER
1. Didaktik als Qualitätsmerkmal von OER
Zentrale Gestaltungsmerkmale von OER
2. Die 3Z-Formel
Für die didaktische Ausgestaltung von Lehr- und Lernmaterialien ist nach (Lehner 2013) die 3Z-Formel hilfreich: Ziel, Zielgruppe und Zeit. Davon hängt maßstäblich ab, wie erfolgreich der Lernpfad ist.
graph LR
A --> B(Zielgruppe)
A --> C(Ziel)
A(3Z-Formel) -->D(Zeit)
Zielgruppe
Beim ersten Z handelt es sich um die Menschen, für die die Lehrmaterialien angeboten werden – die Zielgruppe. Zu wissen, um wen es sich dabei handelt, ist für die Konzeptentwicklung wesentlich. Die Planung sollte an der Zielgruppe ausgerichtet werden, daher kann man die Inhalte und Lehrmethoden besser auf die Lernenden abstimmen, je mehr man über sie weiß.
Das erstellte OER Material benennt nicht nur die intendierte Zielgruppe (z. B. Klassenstufe, Studierende, Fachrichtung, Vorwissen), sie richtet die Inhalte der Zielgruppe entsprechen sprachlich, visuell und thematisch aus. Das Material bietet dabei konkrete Optionen zur Anpassung an unterschiedliche Lernvoraussetzungen, z. B. durch: – verschiedene Textlängen, – Versionen in leichter Sprache, – anpassbare Schriftgrößen, – differenzierte Aufgabenformate.
Ziel
Der wichtigste Aspekt bei allen Lehrmaterialien ist die Definition der Lernziele. Diese ermöglichen erst eine didaktisch sinnvolle Gestaltung der Inhalte. Sie stellen sicher, dass sowohl für Lehrende als auch für Lernende transparent ist, was erreicht werden soll.
Nach (petersen_lernzielmatrix_2026?) bieten Lernziele verschiedene Vorteile:
Aus Sicht Verantwortlicher von Curricula können Lernziele dabei unterstützen…
- zu definieren, welche Kenntnisse und Fähigkeiten und welches Fachverständnis in einem Studiengang oder einem Modul erreicht werden soll, also einen Qualifikationsrahmen zu beschreiben.
- eine Einordnung in Strukturvorgaben, z. B. der Kultusministerkonferenz (KMK), des Akkreditierungsrates, den Anforderungen des nationalen und europäischen Qualifikationsrahmens sowie ggf. weiterer fachwissenschaftlicher Vorgaben zu ermöglichen.
- den Vergleich von Bildungsaktivitäten zu ermöglichen und zu verbessern.
- Lernprogramme zielgerichtet aufzubereiten.
Aus Sicht Lehrender können Lernziele dabei unterstützen…
- Lernaktivitäten zu planen und zu entwickeln.
- einen sinnvollen Aufbau der Lernaktivitäten zu gestalten und somit einen „roten Faden“ für die Lehre zu entwickeln.
- Lehr- und Lerninhalte zu erzeugen, zu konkretisieren und zu strukturieren.
- die Lernerfolgskontrolle zu erleichtern, indem sie klar beobachtbare und messbare Verhaltensweisen sowie Bewertungskriterien beschreiben.
- die Lerneffizienz zu steigern.
Aus Sicht Lernender können Lernziele dabei unterstützen…
- einen Überblick über die in einer Lerneinheit behandelten Inhalte und Anforderungen zu erhalten.
- sich an den Lernzielen zu orientieren und den eigenen Lernfortschritt besser einzuschätzen.
- die Effizienz des Lernens zu steigern.
- das selbstgesteuerte Lernen zu fördern.
All diese Vorteile unterstützen somit auch das Konzept offener Bildungsmaterialien.
Bei der Formulierung von Lernzielen sollte darauf geachtet werden, dass diese eindeutig definiert sind, um eine Überprüfbarkeit zu gewährleisten. Die genutzten Verben sollen möglichst eine Verhaltensbeobachtung beinhalten, da diese eine Messbarkeit ermöglichen.
| Eindeutige Verben | Nicht eindeutige Verben |
|---|---|
| bennen, erläutern, anwenden, analysieren | wissen, verstehen, kennen, vertraut sein |
Operationalisierte Lernziele bestehen aus einer Inhalts- und einer Handlungskomponente. Die Inhaltskomponente gibt Auskunft darüber, zu welchen konkreten Inhalten Kenntnisse oder Fähigkeiten erworben werden sollen. Die Handlungskomponente beschreibt die Verhaltensweisen, an denen „gemessen“ werden soll, ob Lernende das Lernziel erreicht haben.
Eine der bekanntesten Unterstützungen für die Formulierung der Lernziele bietet die Bloom’sche Taxonomie (anderson_2001?) (vgl. Abbildung). Blooms Taxonomie unterteilt Lernziele in verschiedene kognitive Ebenen, die vom einfachen Erinnern und Wissensabruf bis zu komplexeren Prozessen wie Analyse, Synthese und Bewertung reichen. Es existieren diverse Verblisten (z. B. Verbliste), die hier als Inspirationshilfe und Orientierung dienen können.
Zeit
Auch bei der Erstellung von OERs spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Je nach Interaktivität oder Umfang der Aufgaben, muss die zur Verfügung stehende Zeit in Betracht gezogen werden. Davon hängt ab, ob alle gewünschten Lernziele erreicht werden können.
3. Struktur und Verständlichkeit
Eine klare Struktur und verständliche Aufbereitung erleichtern die Nutzung von offenen Bildungsmaterialien erheblich. Es empfiehlt sich daher diese logisch zu gliedern und übersichtlich aufzubauen. Dazu können die Materialien beispielsweise in Kapitel, Module oder Lerneinheiten aufgeteilt werden. Überschriften, Absätze sowie gezielt eingesetzte visuelle Elemente unterstützen die Orientierung und helfen dabei, Inhalte schneller zu erfassen.
Sinnvoll ist es zudem, jede Lerneinheit mit einer kurzen Einführung zu beginnen. Diese kann einen Überblick über die behandelten Inhalte, die gewählte Lernmethode, die angestrebten Lernziele sowie gegebenenfalls benötigte Materialien geben. Dadurch erhalten Lernende bereits zu Beginn eine Orientierung über den Aufbau und die Erwartungen der Einheit.
OER profitieren darüber hinaus von einem modularen Aufbau. Einzelne Abschnitte sollten möglichst unabhängig voneinander nutzbar sein, sodass Materialien flexibel in unterschiedlichen Lehr- und Lernkontexten eingesetzt, angepasst oder mit anderen Ressourcen kombiniert werden können.
Ebenso ist auf eine klare Formulierung von Aufgabenstellungen zu achten. Fachbegriffe sollten erläutert und bei Bedarf durch weiterführende Informationen oder Verweise ergänzt werden. Eine nachvollziehbare Struktur und verständliche Sprache tragen wesentlich dazu bei, dass OER von unterschiedlichen Zielgruppen erfolgreich genutzt und weiterentwickelt werden können.
4. Aktivierende und interaktive Elemente
Methoden und Übungen tragen wesentlich dazu bei, Lernprozesse aktiv zu gestalten. Sie ermöglichen es, die Rolle der Lernenden zu stärken und diese stärker in die Auseinandersetzung mit den Inhalten einzubeziehen. Anstelle einer rein rezeptiven Wissensvermittlung fördern sie somit die aktive Anwendung, Reflexion und Vertiefung des Gelernten.
Unterschiedliche Methoden verfolgen dabei unterschiedliche didaktische Ziele. Sie richten sich an verschiedene Zielgruppen, erfordern unterschiedliche Zeitbudgets und eignen sich für unterschiedliche Lehr- und Lernsituationen. Die Auswahl geeigneter Methoden sollte daher stets an den Lernzielen, den Vorkenntnissen der Lernenden und den Rahmenbedingungen der Lehrveranstaltung orientiert werden.
Darüber hinaus unterstützen Methoden und Übungen verschiedene Sozial- und Arbeitsformen – beispielsweise Einzelarbeit, Partnerarbeit oder Gruppenarbeit – und ermöglichen unterschiedliche Formen des Lernens, etwa das Erarbeiten, Anwenden, Reflektieren oder Diskutieren von Inhalten. Dabei können unterschiedliche didaktische Elemente eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise Übungsaufgaben zur Vertiefung von Wissen, Reflexionsfragen zur kritischen Auseinandersetzung mit Inhalten oder Anwendungsszenarien, die einen Transfer des Gelernten auf praktische Fragestellungen ermöglichen. Auch aktivierende Elemente wie Quizze, Abstimmungen, Fallbeispiele oder Diskussionsanregungen können dazu beitragen, Lernende stärker in den Lernprozess einzubeziehen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zu abwechslungsreichen und lernförderlichen Bildungsressourcen.
Für die Umsetzung interaktiver und aktivierender Elemente stehen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung. Im OER-Kontext werden insbesondere H5P und LiaScript häufig eingesetzt. Beide ermöglichen die Integration interaktiver Inhalte, verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze: * H5P bietet eine Vielzahl vorgefertigter Inhaltstypen, beispielsweise Quizze, interaktive Videos oder Drag-and-Drop-Aufgaben, die ohne Programmierkenntnisse erstellt werden können * LiaScript verfolgt einen textbasierten Ansatz und ermöglicht die Erstellung interaktiver Lernmaterialien direkt aus Markdown-Dateien. Dadurch lässt sich die Entwicklung von Inhalten eng mit offenen Formaten, Versionskontrolle und kollaborativen Arbeitsprozessen verbinden.
Beispiele interaktiver Übungen in der Rechtswissenschaft: “Grundrechte Übungen” in “Das Grundrechte Projekt” von OpenRewi: https://openrewi.org/projekte/das-grundrechte-projekt/grundrechte-uebungen/
Beispiel für geführte Fallbearbeitung mit Fragen und Lösungshinweisen
Thema: Drittschadensliquidation
Zielgruppe: Lernende, die das Konzept der Drittschadensliquidation kennenlernen wollen
Sachverhalt: Käufer K bestellt bei Verkäufer V 200 Flaschen Wein für sein Restaurant. V verpackt die Ware ordnungsgemäß und übergibt sie dem Transporteur T, der die Flaschen während des Transports zerstört. (https://jurawelt.com/rechtslexikon/d/drittschadensliquidation-definition-schema-fallgruppen/ unter II. Drittschadensliquidation Fall)
Frage 1: Welche Ansprüche hat Käufer K gegen Verkäufer V?
Lösungshinweise zu 1: (wenn diese nach und nach bei Bedarf sichtbar gemacht werden könnten – ähnlich wie bei Computerspielen – wäre dies ideal; zudem eröffnen die Hinweise die Möglichkeit, Exkurse auf andere juristische Themen zu verlinken.)
- Welche Arten von Ansprüchen gibt es?
- vertraglich, hier Kaufvertrag
- Welchen Anspruch aus Kaufvertrag hat K gegen V?
- Erfüllungsanspruch
- Woran könnte dieser Anspruch scheitern?
- Gefahrübergang § 477 BGB
- Lösungsschema
Lösung zu 1:
Schaden ohne Anspruch: Kaufrechtlicher Anspruch des K gegen V ist bereits erfüllt, die Gefahr des zufälligen Untergangs ist nach § 477 Abs. 1 BGB bereits auf K übergegangen, als die Flaschen zerstört wurden. Kein Anspruch des K gegen V.
[ausformulierter Lösungstext im Gutachtenstil]
Frage 2: Welche Ansprüche hat Verkäufer V gegen Transporteur T?
Lösungshinweise zu 2:
Lösung zu 2:
Anspruch ohne Schaden, da K keine Möglichkeit des Regresses gegen V hat (siehe Frage 1).
Frage 3: Welche Ansprüche hat Käufer K gegen Transporteur T?
Lösungshinweise zu 3:
Lösung zu 3:
Keine Ansprüche, da keine direkte Vertragsbeziehung zwischen K und T.
Problem formulieren: K hat den Schaden, kann ihn aber weder gegen V noch gegen T geltend machen. Wie kann K geholfen werden?
- [Problemlösungsmöglichkeiten und deren Schwierigkeiten diskutieren, vgl. https://jurawelt.com/rechtslexikon/d/drittschadensliquidation-definition-schema-fallgruppen/ unter VI. Rechtsfolgen]
Schema zusammenbauen. [Lösungsschema und ausformulierte Lösung]
ggf. allgemeine Hinweise zu Voraussetzungen, Fallbeispielen, Abgrenzungen
Unterschiede zum klassischen Fallbeispiel mit Lösungsskizze
- Lernende werden schrittweise an die Lösung herangeführt, ggf. mit Hinweisen
- kein alles-oder-nichts (Sachverhalt/Lösungsskizze), sondern kleinere aha-Momente
- mehr Interaktivität/Aktivierung
- Statt ein Schema auswendig zu lernen, werden Lernende an die Methodik herangeführt, wie Lösungen strukturiert werden können
Beispieltypen für die Rechtswissenschaft [gerne anpassen]
- Kurzer Fall mit Lösungsskizze
- Checkliste zur Fallbearbeitung
- mit Fragen durch die Fallbearbeitung führen, um Problembewusstsein zu schärfen
- Variantenfrage
- Normsuche / Rechercheaufgabe
- Reflexionsfrage zur Methode
- Transferfrage
- auf anderes Rechtsgebiet
- auf übergeordnete Rechtsprinzipien (diese identifizieren)
- Mini-Quiz zu Begriffen
Glossar-Kandidaten [gerne anpassen]
- Lernziel
- Aktivierung
- H5P
- LiaScript
- Selbsttest
- Zielgruppenorientierung